von Gerhard Hübgen
Nachdem ich einen Hinweis auf einen Blog bekommen habe, der sich kritisch mit den Online-Kampagnen von Avaaz beschäftigt, einschließlich der Bekanntgabe "Ich werde diese Organisation nicht mehr unterstützen!", möchte ich hier dazu Stellung nehmen. Vermutlich sind auch andere an dem Thema interessiert.
Dieser Artikel von Steven Black in dem Blog "The Information Space" beschreibt relativ wortreich, warum der Autor kein Avaaz-Fan mehr ist - und sogar regelrecht zum Avaaz-Gegner mutiert ist, wie es scheint.
Er hat nachgeforscht, wer die Begründer von Avvaz sind, und reibt sich insbesondere an Ricken Patel, seiner gesamten Ausbildung und seinem beruflichen Werdegang und kommt dann zu dem Schluss, dass es sich bei Avaaz um eine "falsche Frontorganisation" handelt. Darunter versteht er im Wesentlichen eine Organisation und Leute, die Aktivitäten unter “schwarzer Flagge” betreiben, und meint damit, dass unter dem Vorwand von etwas Gutem etwas ganz anderes bezweckt wird."
Er hat herausgefunden, dass Ricken Patel einen Master in Public Policy* hat und einen Bachelor-Grad von einem College der Oxford Universität und für diverse "verdächtige" Gruppen, wie die Rockefeller Foundation, die Gates Foundation, die Harvard University u. a. gearbeitet hat und seine Schlussfolgerung ist unter anderem:
Schon sehr früh erkannte er, wie man Menschen aktiviert! Er graduierte als erster, in einer Klasse von 350 aus Oxford, und führte Studentenorganisationen (Student Governments) und leitete Studentenaktionen und zwar an beiden Universitäten, Oxford und Havard. Der “Knabe” hatte es faustdick hinter den Ohren und zwar von Beginn an! Da steckt mehr dahinter .. so viel Aktivismus ..
Zunächst kann ich dieser pauschal negativen Einschätzung für alles, was eine Ausbildung als Führungskraft hinter sich hat, nicht zustimmen. Allerdings kann ich ahnen, was den Autor - und auch mich - an den Abstimmungen stört, und zwar sind das die ständig überhöhten Zielvorgaben, womit sich die Teilnehmer sehr leicht in der Rolle des Hundes fühlen können, der der Wurst vor seiner Nase nachrennt. Aber deshalb würde ich nicht "falsche Frontorganisation" urteilen.
Ich meine, man sollte bei allen Mängeln nicht den Hauptzweck dieser Kampagnen übersehen, und das ist in meinen Augen das Schaffen von Bewusstsein - sowohl in Richtung der Internetbenutzer und potenziellen Abstimmer, als auch in erster Linie in Richtung zu denen, die die Empfänger dieser doch beachtlichen Anzahl von Petitionsbefürwortern sind. Diese massive Anzahl von Stimmen wird bei ihnen etwas bewirken, wenn sie sonst nur allzu leicht übersehen, was über die üblichen Kanäle (Zeitungen, Fernsehen, usw.) an Kritischem gesagt wird. Wenn Hundertausende oder sogar Millionen per Internet der Petition zugestimmt haben, dann hat das ein besonderes Gewicht, es gibt den Empfängern eine Rückkopplung und schafft somit Bewusstsein. Sie betrachten ihr Tun vielleicht unter einem anderen Blickwinkel.
Übrigens gab es auch andere Petitionen, wie z. B. diejenige zum 75. Geburtstag des Dalai Lama im letzten Jahr. Ich habe gerade nachgesehen: 312.114 haben sich der Gratulation angeschlossen, die Zielvorgabe steht auf 350.000. (Interessanterweise ergibt die Stimmenzahl in der Quersumme der ersten 4 und letzten beiden Ziffern: 75 - entsprechend dem Geburtstag und die Gesamtquersumme ist dann natürlich auch gleich, nämlich = 3.)
Ziemlich unverständlich ist mir jedoch wie der Autor behaupten kann, dass "berechtigter Protest zwar gesammelt – aber NICHT oder kaum weitergegeben" wird. Wie er dazu kommt, ist mir ein Rätsel, zumal er eingangs in seinem Artikel noch selbst erwähnt, dass Avaaz eine Klimapetition mit 2,6 Millionen Unterschriften an die Klimakonferenz in Bali übergeben hat. Oder: 750.000 Unterschriften an den chinesischen Präsidenten Hu Jintao wegen der Gewalt in Burma übergeben!
Man kann von der Übergabe einer Petition allein kaum die Änderung der Weltgeschichte erwarten, aber ... damit ist das Bewusstsein ein klein wenig verändert worden und wenn noch andere Faktoren hinzukommen, gibt es den oft zitierten Quantensprung.
Die Schlussfolgerungen von Steven Black: "falsche Frontorganisation" (schon am Anfang) und am Ende:
"Avaaz.org nimmt sich der menschlichen Empathie an, verspricht zwischen den Zeilen den blauen Himmel und spielt mit ihren Emotionen, dann lässt man diese “am ausgestreckten Arm” sozusagen, verhungern!"
kann ich nicht teilen, weil ich gar nicht die Erwartung habe, dass sich durch meine Avaaz-Stimme so viel ändert. Aber es werden Zeichen gesetzt! Lebendige Demokratie!
Wahrscheinlich können auch die Vielen, die ihre Stimme abgeben, es schon richtig einschätzen, wenn die Macher etwas übertreiben. Man sollte vielleicht auch anerkennen, welcher enorme Aufwand an Technik und Organisation für diese Aktionen nötig ist. Bei einem solchen Einsatz ist es derzeit fast unmöglich, dass kein Ego im Spiel ist.
Die Menschen der Erde haben alle hellere und dunklere Anteile, das ist bei den Avaaz-Gründern sicher auch nicht anders. Aber die Idee und die Möglichkeit, dass so viele ihre Stimme erheben können, sehe ich als positiv an. Vielleicht sollten die Avaaz-Betreiber etwas vorsichtiger sein mit ihren Versprechungen und die Zielvorgaben weglassen...
Ich sehe deshalb die Petitionen von Avaaz meist positiv, und lasse mich nicht von Negativem abschrecken.
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* Die Public Policy Ausbildung gibt es auch in Deutschland und richtet sich laut Wikipedia an künftige Führungskräfte im öffentlichen Sektor.
The Information Space Blog AVAAZ ORG – GIB MIR DEINE STIMME!
Datum: 22.11.11
Michael Budich
01.12.2011
12:06 Uhr
Namaste!
Ich denke,aufgrund meiner Kritik habt ihr euch mit dem Thema "AVAAZ" beschäftigt. Mir ist bewusst,dass es auf diesem Planeten um "Bewusstseinserweiterung"geht(http://www.to-be-us.de/),aber dennoch sollten wir nicht jeder Organisation ungeprüft unsere Stimme geben,zumal nicht jede Kampagne von AVAAZ in unserem Sinne ist und man
ständig dazu aufgefordert wird,Geld zu spenden.Siehe auch:
http://www.utopia.de/blog/fairessen-fair-zu-umwelt-mensch/avaaz-im-verbund-mit-den-maechtigen
liebe Grüsse
Michael
Michael
27.12.2012
22:35 Uhr
Danke für den Blog.
So sehe ich das eigentlich auch. In allem und jedem immer alles negativ zu sehen ist zu extreme Schwarzmalerei. Und es geht um Themen, die ich in meinem Freundeskreis schon länger diskutiere (zB. Demokratie und 4-Jahres Rhytmus) und wo mir sehr am Herzen liegt, dass sich da endlich etwas ändert.
Ich werde daher weiter ausgewählte Petitionen unterschreiben.
lg, Michael
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